Der Film "A Beautiful Mind" rückt die Mathematik, die
fundamentalste aller Wissenschaften, wieder ins Blickfeld. Doch auch
die Mathematiker korrigieren ihr Schrulli-Image und besetzen
Schlüsselpositionen in der gesamten Forschung. Wie Zahlen und
Formeln die Welt erklären - vom Flugzeugbau bis zu den
Finanzmärkten. Von Johanna Geissler
und Alwin Schönberger
Test:Elementarer Umgang mit
Zahlen Sind Sie ein
Mathematik-Talent? Es begann damit, dass Peter Markowich das Gefühl hatte, für blöd
verkauft zu werden. Als Teenager saß er im Mathe-Unterricht in einem
Gymnasium im dritten Bezirk in Wien und wollte vom Lehrer mehr
wissen als eine Antwort auf die Frage, wie man Tangenten an Kreise
legt. Doch niemand vermochte seine Neugier zu befriedigen. "Wenn ich
die Konzepte dahinter verstehen wollte, hat's jedes Mal geheißen, da
musst halt auf die Uni gehen", sagt Markowich.
Der junge
Wiener nahm den Rat an und studierte Technische Mathematik. Heute
ist Peter Markowich, 45, Professor für Analysis am Institut für
Mathematik der Universität Wien und gilt als Kapazität mit
Weltformat. "Ein ganz eminenter Mathematiker mit internationalem
Stellenwert", urteilt Arnold Schmidt, Präsident des Fonds zur
Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF). Der frühere
Hörfunkintendant Manfred Jochum wusste kürzlich bei einem
Wissenschaftsevent: "Manche vergleichen ihn mit
Einstein."
Markowich forschte und lehrte an Universitäten in
Wisconsin, in Texas, an der TU Berlin, am Pariser Ecole
Polytechnique, an der Purdue University. Zwölf Jahre war er im
Ausland, bevor er nach Österreich zurückkehrte. 2000 wurde er hier
mit dem mit knapp 1,5 Millionen Euro dotierten Wittgenstein-Preis
ausgezeichnet - eine Art Austro-Nobelpreis für besondere
wissenschaftliche Leistungen.
Ewiger
Aufbruch
Markowich ist ohne Zweifel ein
herausragender Protagonist seiner Zunft - nicht zuletzt aufgrund
seines in der Branche sonst eher rudimentär ausgeprägten Talents,
auch interessierte Laien zu begeistern. Wenn Markowich Formeln auf
die Tafel malt, die Schönheit von Differenzialgleichungen erklärt,
von der "universellen Sprache" der Mathematik schwärmt oder sich als
"Grenzgänger und Entdecker in ewigem Aufbruch" charakterisiert,
beeindruckt das den stursten Mathe-Muffel.
Zurzeit erhält
Markowich bei der Popularisierung seiner Disziplin kräftige
Unterstützung von verschiedensten Seiten. Selbst in traditionell
wenig affinen Gebieten fördern Mathematiker Erkenntnisse zutage, die
Aufmerksamkeit erregen. Ende März gaben mexikanische Mathematiker
bekannt, Homers Odyssee mit statistischen Methoden untersucht zu
haben. Die Analyse rhythmischer Strukturen des Epos zeige starke
Schwankungen - und lege damit nahe, dass der Dichter sein Werk wohl
nicht alleine verfasst habe.
Forscher der Columbia University
in New York wiederum fanden eine mathematische Stütze für jenes
Sprichwort, wonach die Welt ein Dorf ist: Wenn jeder Mensch im
Schnitt 100 Bekannte hat, kommt bei der Berechnung heraus, dass man
über sieben Ecken jeden Menschen auf der Welt kennt. Diese Theorie
der Small-World-Networks ist auch praktisch relevant: Nach demselben
Prinzip kann etwa die Ausbreitung einer Grippeepidemie
prognostiziert werden.
Sogar in die Politik mischen sich
Mathematiker ein, ohne dabei je vom Pfad der reinen Lehre zu
weichen. Im August 2001 verlautbarte Julian Palmore von der
University of Illinois, er halte das US-Raketenabwehrprogramm für
nicht zielführend. Modelle der so genannten Spieltheorie hätten
errechnet: "Sicherheit ist ein Placebo."
Jedenfalls scheinen
die Zeiten vorbei zu sein, in denen Mathematik vorwiegend als
weltfremde Zahlenakrobatik wunderlicher Formel-Fetischisten
wahrgenommen wurde und etwa "Der Spiegel" von "leicht trotteligen
Geistesriesen" schrieb. Im Gegenteil: Mathematik boomt wie selten
zuvor.
Mathe-Renaissance
Den
größten aktuellen Beitrag dazu hat der soeben mit vier Oscars
ausgezeichnete Film "A Beautiful Mind" geleistet. Der Streifen
erzählt vom Ringen des US-Mathematikers John Forbes Nash mit der
Schizophrenie. Auch im Theaterstück "The Proof", dessen Autor David
Auburn 2001 mit dem Pulitzerpreis bedacht wurde, ist der Protagonist
ein dem Wahnsinn verfallener Mathematiker. In Wien war das Stück bis
vor kurzem im Vienna English Theatre zu sehen.
Außerhalb der
Kunstwelt widmet sich zum Beispiel der Gießener Mathematiker
Albrecht Beutelspacher intensiv der Image-Korrektur seiner
Fachrichtung. Bis Oktober dieses Jahres will Beutelspacher in Gießen
das erste Mathematik-Museum der Welt eröffnet
haben.
Lobenswert zu erwähnen wären weiters jene Frohnaturen
der Forschung, die mit durchaus unterhaltsamen Experimenten danach
trachten, der Jugend die Scheu vor sperrigen Zahlen zu nehmen. So
startete im Vorjahr Robert Matthews von der Aston University in
Birmingham einen landesweiten "Tumbling Toast Test" zur Klärung der
brennenden Frage, ob vom Tisch purzelnde Brotscheiben tatsächlich
gerne auf die Butterseite fallen. Insgesamt 150.000 britische
Schulkinder wurden aufgerufen, unter Einsatz beachtlicher Mengen
Toastbrot und Butter zum Experiment zu schreiten.
Matthews
ist bei seiner Mathe-Marketing-Mission auch sonst nicht um medial
leicht transportable Problemstellungen verlegen. Unter anderem gab
er bekannt, jene Vermutung streng wissenschaftlich prüfen zu wollen,
die besagt, dass man grundsätzlich immer in jener Schlange
angestellt steht, die am langsamsten vorankommt. Seine Botschaft:
"Mathematik kann Spaß machen."
Von Laien ohne Schwierigkeiten
rezipierbar ist auch folgende von Nick Trefethen von der Oxford
University aufgeworfene Frage: Wie oft muss ein Spieler die Karten
mischen, bis keiner mehr weiß, wo sich welche Karte befindet?
Antwort: sechsmal. Trefethen bewies dies mit mathematischen
Analysen, die zeigten, wie man ein bestimmtes Muster verändern muss,
um es unkenntlich zu machen. Um reinen Jux handelt es sich nicht:
Nach demselben Prinzip könnten Aktienmärkte analysiert
werden.
Und in Wien setzt Markowich gerade sein bisher
größtes Projekt um. Ausgestattet mit zwölf Millionen Euro aus
Mitteln des FWF und der EU hat er das Wolfgang-Pauli-Institut ins
Leben gerufen, das zum Zentrum für internationale Spitzenforschung
in theoretischer und angewandter Mathematik werden soll - und
zugleich eine Schnittstelle für verschiedene wissenschaftliche
Disziplinen, in die mathematische Erkenntnisse einfließen. Die
offizielle Gründung des Elite-Instituts fand im April 2001 statt,
inzwischen gibt es zwölf Mitglieder - darunter vier Träger des
Wittgenstein-Preises.
Elite-Institut
Ein Projektziel ist es, im Rahmen dieses
Forschungsverbundes den Stellenwert der Mathematik zu fördern. "Mir
geht es darum, die großen Zusammenhänge herzustellen", sagt
Markowich. "Im 21. Jahrhundert ist es wieder enorm spannend,
Mathematiker zu sein. Die Mathematik ist heute die Schaltstelle der
Wissenschaft."
Mit dieser Sichtweise knüpfen die Wiener an
die ursprünglichste aller Auffassungen von Mathematik an. Das
griechische Wort "Mathema" bedeutet schlicht Wissenschaft - und
diente als Oberbegriff für Wissenschaften generell. Eine Definition
lautet: Die Mathematik sei ein "in sich abgeschlossener Mikrokosmos,
der jedoch die starke Fähigkeit zur Widerspiegelung und Modellierung
beliebiger Prozesse des Denkens und wahrscheinlich der ganzen
Wissenschaft überhaupt besitzt". Ein Lehrbuch nennt die Mathematik
schlicht "das mächtigste Instrument des menschlichen
Geistes".
Mathematische Erfordernisse wie Zählen und Messen
gehören freilich auch zu den ersten Problemen der Menschheit. Die
ältesten bekannten Kerbhölzer wurden vor rund 50.000 Jahren
angefertigt. Im Gebiet des heutigen Irak wurden 9000 Jahre alte
Kugeln gefunden, die einst in einem Behälter einer Warenladung
beigefügt worden waren, um mit der Anzahl dieser Kugeln den Umfang
einer Lieferung definieren zu können. Als erste Hochkultur kannten
die Sumerer vor rund 5000 Jahren Zahlensymbole. Tausend Jahre später
führten die Ägypter Bruchrechnungen durch, und in Mesopotamien
wurden lineare Gleichungen gelöst.
Große
Griechen
Zur wirklichen Wissenschaft wurde die
Mathematik im antiken Griechenland. Als deren Vater gilt Thales von
Milet, der um 600 vor Christus geometrische Sätze bewies. In der
Folge entwickelten Pythagoras und seine Schüler wichtige Fundamente
wie Arithmetik und Geometrie. Das bedeutendste Werk der Antike
schrieb um 300 vor Christus Euklid - seine "Elemente" sollten für
zwei Jahrtausende zum Standardwerk der Geometrie werden. Als größter
Mathematiker des Altertums gilt Archimedes, von dem unter anderem
die erste theoretische Berechnung der Kreiszahl Pi
stammt.
Die großen Entdeckungen der nachchristlichen Zeit
begannen mit dem 17. Jahrhundert - und sind mit Namen wie Pierre de
Fermat, Gottfried Wilhelm Leibniz oder Carl Friedrich Gauß
verknüpft. Spätestens im 20. Jahrhundert jedoch konnte die
Öffentlichkeit mit den plastischer wirkenden Erkenntnissen aus
Physik, Biologie oder Medizin offenbar mehr anfangen als mit bloßem
Zahlenwerk.
Besonders heftig stemmten sich die Mathematiker
ihrem wachsenden Schrulli-Image nicht entgegen. Kolportiert wurden
vielmehr schräge Zitate wie jenes des ungarischen Mathematikers Paul
Erdös, der gerne gesagt haben soll: "Ein Mathematiker ist eine
Maschine, die Kaffee in Theoreme verwandelt." Ein Klassiker ist das
Urteil des deutschen Mathematikers David Hilbert über einen
einstigen Assistenten, der Dichter geworden war: "Für die Mathematik
hat ihm ohnedies die Fantasie gefehlt."
In dieses Bild passt
auch die Tatsache, dass es nicht einmal einen eigenen Nobelpreis für
diese Disziplin gibt. Eine Erklärung dafür, die freilich im
Gerüchtebereich anzusiedeln ist, besagt, dass sich Alfred Nobel
damit an jenem Mann rächen wollte, der mit seiner Geliebten, der
Wienerin Sophie Hess, durchgebrannt war - der Kerl soll just
Mathematiker gewesen sein. Profanere Theorien gehen allerdings davon
aus, dass ein damaliger Zirkel bedeutender Mathematiker eine eigene
Preis-Kategorie als nicht zielführend ablehnte.
Dass gerade
in Österreich auch in den vergangenen Jahrzehnten Mathematiker mit
Weltruf forschten, sprach sich außerhalb der Insider-Gemeinde kaum
herum. Einer dieser Experten ist der Innsbrucker Leopold Vietoris,
der im Vorjahr 110 Jahre alt wurde und Mitbegründer der Topologie
ist. Als Legende seiner Disziplin gilt auch der Wiener Mathematiker
Edmund Hlawka, ein Schüler von Kurt Gödel.
Doch nun rücken
die Mathematik und ihre Vorzüge wieder ins Blickfeld - nicht zuletzt
aufgrund der rasant zunehmenden Leistungsfähigkeit der
Computertechnik, deren Fortschritt früher oft mit dem Ende der
Mathematik gleichgesetzt worden war. Das Gegenteil scheint nun der
Fall zu sein: Gerade neueste Superrechner dienen als probates
Instrument, um mathematische Grundsätze praktisch anwenden zu können
- von der Architektur über den Maschinenbau bis zur
Finanzwelt.
Mathematik-Design
Eines dieser Einsatzgebiete ist mathematisch
optimiertes Design von Bauteilen. Mithilfe leistungsstarker Rechner
arbeiten Mathematiker der Universität Erlangen-Nürnberg an der
Verbesserung von Strukturen und Materialien für Brücken, Häuser,
Autos oder Flugzeuge. Mit hoch komplexen Gleichungen, die
hunderttausende von Nebenbedingungen berücksichtigen, berechnen
Computer die entsprechenden Werkstücke. "Es passiert Unglaubliches",
schwärmte Herbert Hörnlein, Optimierungsexperte bei DaimlerChrysler
Aerospace. Erste Flugzeuge des DASA-Konzerns sind bereits mit derart
mathematisch designten Teilen ausgestattet.
Ebenfalls auf
modernster Computertechnik beruhen jene Rechenalgorithmen, die
Mathematiker der University of Illinois entwickelten und die bis zu
9,6 Millionen unbekannte Variable verarbeiten können. Die
Algorithmen dienen der Verbesserung wissenschaftlicher Analysen -
etwa zur Untersuchung von Strahlungsphänomenen.
Mit einem
speziellen Algorithmus machten sich im Vorjahr auch zwei britische
Forscher an die mathematische Überprüfung einer der bedeutendsten
Sicherheitstechniken der Zukunft: Sie konnten anhand von mehr als
zwei Millionen Bildern bestätigen, dass biometrische Iriserkennung
tatsächlich so gut wie fälschungssicher ist. Die Wahrscheinlichkeit,
dass die Iris zweier Menschen übereinstimmt, so die Mathematiker,
liege bei eins zu sieben Billionen.
Eine immer wichtigere
Rolle könnten mathematische Grundsätze künftig bei der Prognose von
Naturkatastrophen spielen. Anfang Februar präsentierte der an der
Yale-Universität forschende Mathematiker Benoit B. Mandelbrot eine
Methode zum Aufspüren von Ordnungsparametern in komplexen
chaotischen Systemen - zu denen auch Wirbelstürme, Überschwemmungen
oder Vulkanausbrüche zählen. Benoit nutzt dazu die von ihm
begründete Fraktalmathematik, mit der außergewöhnlich komplexe
Geometrien der Natur beschrieben werden können.
Die
Gesetzmäßigkeiten fraktaler Mathematik sowie der so genannten
Extremwertstatistik nutzt auch ein Team um den Physiker Yonathan
Shapir. Im Oktober des Vorjahres publizierten die Forscher ein
Modell zur Vorhersage von Schwachstellen in Oberflächen
verschiedener Materialien. Auf diese Weise soll zum Beispiel
errechnet werden können, mit welcher Wahrscheinlichkeit wann und wo
auf einem Stahlträger Roststellen entstehen.
Zahlen der Natur
Auch in der Biologie, so
postulierte Ende des Vorjahres der britische Mathematiker Ian
Steward, könne die Mathematik viele Prozesse erklären. Die
wesentlichen Prinzipien würden dabei Symmetrie, Dynamik und Chaos
lauten. Unter Verwendung der Spieltheorie konnte kürzlich etwa das
Thema Kooperation und Teambildung in der Tierwelt dargestellt
werden.
Die Grundannahme, die per Computersimulation
durchgespielt wurde: Kooperation lohnt, wenn zwei Individuen
gemeinsam mehr Gewinn machen als die Summe jener Gewinne, die jedes
Individuum alleine machen würde - zum Beispiel bei der Beutejagd. In
weiterer Folge wurde mathematisch überprüft, unter welchen
Bedingungen sich Tiere fair verhalten und dadurch voneinander
profitieren. Nach ähnlichen mathematischen Mustern sind jedoch auch
Analysen des Verhaltens im Geschäftsleben möglich.
In der
Wirtschaft finden mathematische Modelle inzwischen in vielen
Bereichen Anwendung. So befasst sich der Wiener Finanz- und
Versicherungsmathematiker Walter Schachermayer unter anderem mit den
Gesetzen des Wettbewerbs auf den Finanzmärkten. Seine Modelle machen
es möglich, wie er sagt, etwa bei Optionsgeschäften "das Risiko
wegzukürzen". Bank- und Versicherungsexperten zählen denn auch
längst zu den emsigsten Lesern seiner Arbeiten. "Banken kommen heute
ohne mathematische Modelle nicht aus", so Schachermayer,
"wissenschaftliche Entwicklungen sind unmittelbar
praxisrelevant."
Von durchaus praktischer Bedeutung ist heute
auch eine vordergründig sehr theoretische Entdeckung, die bereits
1938 gemacht wurde - Benfords Gesetz, das besagt, dass die Zahl
eins, egal wo, am häufigsten vorkommt. Die mathematische
Wahrscheinlichkeit dafür, dass eine beliebige Ziffernfolge mit eins
beginnt, beträgt 30 Prozent. Die zwei tritt nur noch mit einer
Häufigkeit von 18 Prozent auf, die neun mit 4,6-prozentiger
Häufigkeit.
Diese Tatsache ist auf breites Interesse
gestoßen, seit der US-Mathematiker Mark Negrini entdeckte, dass sie
auch für Steuererklärungen gilt - und zwar nur dann, wenn diese
nicht gefälscht sind. Wer hingegen die Finanz betrügt, denkt sich
irgendwelche Zahlen aus, für die dann Benfords Gesetz nicht mehr
stimmt. In weiterer Folge entwickelte Negrini eine Software, die von
US-Steuerbehörden bereits angewendet wird.
Universalsprache
Eines der Hilfsmittel bei
der Untersuchung solcher Prozesse ist die Simulation - eine von der
jeweiligen Aufgabenstellung nahezu unabhängige Methode der
Darstellung komplexester Abläufe. Mittels Simulation lassen sich
Wasserströmungen ebenso berechnen wie die Ausbreitung von
Infektionskrankheiten oder Klimaphänomenen. Die wichtigste
mathematische Sprache dafür sind Differenzialgleichungen - erfunden
von Gottfried Wilhelm Leibniz im 17. Jahrhundert und heute auch für
Peter Markowich eines der bedeutendsten Forschungsinstrumente.
Differenzialgleichungen gehorchen einem immer gleichen Prinzip: Sie
beinhalten physikalische Größen und deren Veränderungen in Bezug auf
Raum und Zeit. Damit können die verschiedensten Parameter zueinander
in Beziehung gesetzt werden. Während physikalische Vorgänge
inzwischen oft recht einfach zu berechnen sind, stellt die Biologie
Mathematiker vor eine größere Herausforderung.
Deshalb
verfeinern Markowich und sein Kollege Christian Schmeiser von der TU
Wien zurzeit Modelle, die ursprünglich für die Gasdynamik verwendet
wurden, um zu beschreiben, wie sich Bakterien im Raum anhand von
Konzentrationen bestimmter Substanzen orientieren. Bei der
Simulation werden für die Gleichungsvariablen Bakterienzahlen und
Stoffkonzentrationswerte eingesetzt. Ergebnis dieser Arbeit könnte
der Nachweis sein, dass Mikroorganismen über eine Art Gedächtnis
verfügen, um Veränderungen in der Umwelt zu
registrieren.
Beispielsweise bilden Bakterien an Stellen, an
denen bestimmte Lockstoffe vorhanden sind, Kolonien. Leukozyten
wiederum werden durch solche Stoffe veranlasst, sich auf
Infektionserreger zu stürzen.
Vom Verständnis solcher
Mechanismen sind wichtige Fortschritte zu erwarten. In der
Stammzellenforschung wäre damit die Frage beantwortet, was
Stammzellen dazu bewegt, sich dorthin zu begeben, wo sie gebraucht
werden, um ein Organ zu bilden. Molekularbiologen könnten aufgrund
solcher Erkenntnisse gezielt Antibiotika entwickeln oder Organe
züchten.
Spitzenforschung
Im
Rahmen des neuen Wolfgang-Pauli-Instituts sollen internationale
Forscher mit vereinten Kräften nun die Klärung solcher Fragen
vorantreiben. "Österreich ist zwar ein kleines Land mit einer
kleinen Spitze hoch begabter Wissenschafter", sagt Markowich. "Aber
durch gute internationale Vernetzung ist das weniger ein Manko als
die Chance, zum Angelpunkt in der internationalen Spitzenforschung
zu werden." Die EU habe bereits signalisiert, dass Wien "bestens
positioniert ist, Europas Spitzenzentrum für Mathematik zu
werden".
Dennoch stehen die Mathematiker gerade vor einem
sehr österreichischen Problem - weil die Fördergelder für
Personalausgaben zweckgebunden sind, können sie nicht in
Forschungsräume investiert werden. Folge: Es gibt keine Räume.
Öffentliche Unterstützung sei noch nicht in Sicht.
Und so
sitzt Markowich, der Mann, der bereits mit Einstein verglichen
wurde, gemeinsam mit einer Assistentin und einem Gastforscher der
Chinesischen Akademie der Wissenschaften zurzeit in einem
spartanischen Bürozimmer.